Bei der Ruhrtriennale 2023 präsentierte Intendantin Barbara Frey zum Abschluss ihrer Amtszeit die Inszenierung von Fjodor Dostojewskis Monolog „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ mit Nina Hoss in der Hauptrolle. Die Aufführungen fanden in der Mischanlage auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen statt.
In dieser Produktion verkörpert Nina Hoss einen namenlosen, verbitterten Intellektuellen, der sich in die Isolation eines Kellerlochs zurückgezogen hat. Sein Monolog reflektiert über die Unzulänglichkeiten des modernen Menschen, seine eigene Verkommenheit und die Widersprüche des Daseins. Dostojewskis Text dient dabei als thematische und philosophische Basis für seine späteren großen Romane.
Die Inszenierung nutzte die besondere Atmosphäre der Industriearchitektur, um die innere Zerrissenheit und die existenziellen Fragen des Protagonisten zu unterstreichen. Die Zuschauer durchquerten die Mischanlage, vorbei an alten Walzen und rostigen Stahlträgern, bevor sie dem intensiven Monolog beiwohnten.
„Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ wurde von Kritikern für seine eindringliche Darstellung und die gelungene Verbindung von Text, Raum und Schauspiel gelobt. Die Produktion war ein herausragender Beitrag zur Ruhrtriennale und ein würdiger Abschluss von Barbara Freys Intendanz.
Als »das Stück der Stunde« bezeichnet Barbara Frey, die inszenierende Intendantin der Ruhrtriennale, Shakespeares geniales und abgründiges Meisterwerk Der Sommernachtstraum, das seit mehr als 400 Jahren das Publikum verzaubert und verwirrt. Bei diesem dichterischen Naturereignis versagen alle Gattungsbegriffe. Der Text wechselt seine Gestalt, mäandert durch die verschiedenen Genres von höfischem Spiel zum derben Schwank, vom Traumspiel zum philosophischen Exkurs, von Komödie zu Tragödie. Nichts in diesem Text behält seine anfängliche Gestalt. Das ist zutiefst beunruhigend. Wir werden konfrontiert mit der Zumutung der Unberechenbarkeit. Wir wohnen dem Kontrollverlust der Figuren bei, erleben ihn selbst, erkennen die Brutalität der unverlässlichen Gefühle, sehen, wie Liebe sich entfärbt und zur Verachtung wird und wie umgekehrt Ignoranz abgelöst…
OPER IN DREI AKTEN
Libretto vom Komponisten Leoš Janáček nach Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus
Im sibirischen Gefangenenlager gibt es keine Helden. Ob arm oder reich, gebildet oder ungebildet, adelig oder nicht – hier sind alle gleich und im Grauen ohne Ende vereint. Fjodor Dostojewski hat es erlebt und in seinen Aufzeichnungen aus einem Totenhaus minutiös beschrieben. Sie dienten Leoš Janáček als Vorlage zu seiner letzten Oper, die unter dem Motto »In jedem Geschöpf ein Funke Gottes« an unser Mitgefühl appelliert. Janáček, der seine Musik der individuellen Sprache der Menschen abhorchte, gibt jedem Insassen seine eigene Stimme, um sie in der vielstimmigen Anonymität und Gleichgültigkeit untergehen zu lassen. Rohe Klänge und beharrliche Rhythmen machen die Härte der Lagerrealität geradezu körperlich spürbar. In den gewaltigen Dimensionen der Jahrhunderthalle setzt Starregisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov diese Idee fort: In einer riesigen begehbaren Bühneninstallation löst er die schützende Trennung zwischen Künstler:innen und Publikum auf. Wir bewohnen eine erbarmungslose Gefängniswelt, sind unentrinnbar mitverhaftet mit all den »Schicksalslosen«, die hier eine Existenz als lebendige Tote fristen. Mit ihnen bewegen wir uns durch einen von würdelosen Raufereien und Saufereien gezeichneten Alltag. Uns, seinen Mitgefangenen, schildert Luka aus nächster Nähe, wie er aus Rache für dessen Willkür den Major erstach. Uns erzählt Skuratov, wie er den reicheren Rivalen um die geliebte Luisa erschoss. Šiškov erzählt uns, wie er aus Eifersucht seiner unschuldigen Braut Akulina die Kehle durchschnitt. Interessiert uns ihr Leid, ihre Wut, ihre Reue?
Mit THE VISITORS setzt Constanza Macras die Zusammenarbeit zwischen DorkyPark und vielen der jungen südafrikanischen Darsteller:innen aus ihrer erfolgreichen Show Hillbrowfication fort. 2022 erlebte die weltweite Tournee dieses hochenergetischen Stückes in der Duisburger Gebläsehalle im Rahmen der Ruhrtriennale einen ihrer Höhepunkte. Daher scheint es nur folgerichtig, wenn die argentinische Choreografin mit THE VISITORS genau dort den Faden wieder aufnimmt. Die neue Produktion taucht in die seltsame Welt der Slasher-Filme ein, einem Subgenre des Horrorkinos mit eigenen narrativen Codes und einem eigenen ästhetischen Stil. Durch nicht-lineare Erzählungen und humorvolle Assoziationen versuchen die 15 jugendlichen Protagonist:innen, sich aus dem Griff dieser alten Monster zu befreien. Sie tanzen und springen, um sich von der unerbittlichen Wiederkehr der Vergangenheit in eine Zeit zu bewegen, die aus anderen Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünften besteht und in der es möglich ist, Räume zum Denken und Hoffen zu schaffen. .…
Tief im Inneren der Erde ruht ihr Gedächtnis. Der Komponist Georges Aperghis und der Schriftsteller Jean-Christophe Bailly suchen es auf. Es beginnt eine imaginäre Reise hinab durch die geschichtete Zeit. Ständiger Begleiter ist nachtschwarze Dunkelheit, Urmutter der Angst und der Schlaflosigkeit, aber auch der ältesten Spiele und skurrilsten Fantasiegeburten. Im Zusammenspiel mit flüchtig-wandelbaren animierten Zeichnungen lassen fünf Musiker:innen die Szenerie durch Klang, Wort und Körper erstehen: Gemeinsam graben sie sich durch verschiedene Materialien hindurch ins Dunkel, tasten sich durch Hohlräume, begegnen kindlichen Angstfantasien und ergeben sich verzerrten Gedankenbildern, die einen beim nächtlichen Wachliegen ereilen. Die Mine wird zu einem poetischen Ort, dessen Reichtum an Assoziationen Aperghis und Bailly zu Tage fördern. Je tiefer wir steigen, desto näher kommen wir dem Himmel. 300 Millionen Jahre tief treffen wir auf Kohle. Bailly, der mit Dichtung von Annette von Droste-Hülshoff und eigenen Gedichten der Erdfabrik Sprache verleiht, nennt sie ein »Kind des Lichts«; schließlich war der schwarze Stoff aus der Tiefe vor Urzeiten einmal lebendige Vegetation, die sich von Sonnenlicht ernährte. Dieses Licht des Himmels findet er im eigenartig kühlen Glanz der Kohle wieder. Dunkel und Licht, Ernst und Spiel, Mut und Angst, Großes und Kleines – der Verbund der extremen Pole, das Zusammenwirken innerer Widersprüche
Was bestimmt das Leben mehr als der Gedanke an dessen Endlichkeit? Der kleine Schritt über die Schwelle am Ende – in Wahrheit eine Ewigkeit. In seinem letzten Werk Quatre chants pour franchir le seuil – Vier Gesänge, die Schwelle zu übertreten schickt der Komponist Gérard Grisey zuerst den Engel über die ominöse Schwelle, dann die Zivilisation, die Stimme und schließlich die Menschheit. Und jedes Mal erscheint die Membran zwischen Leben und Tod durchlässiger.
Zu Beginn von Schnitzlers Gesellschaftspanorama verstummt die Musik: Ein Pianist, der in der Villa des Glühbirnenfabrikanten Friedrich Hofreiter und dessen Frau Genia verkehrte, erschießt sich. Der Grund dafür gibt Anlass zu Spekulationen. Man vermutet, dass Hofreiter den jungen Musiker dazu aufgefordert hat, sich das Leben zu nehmen, nachdem er von dessen angeblicher Affäre mit Genia erfahren hatte. Doch Hofreiter behauptet, er hätte kein Problem mit einem Seitensprung gehabt. Im Gegenteil: Der „Macher“ und „Gründer“ der seriellen Produktion fordert Genia geradezu auf, fremdzugehen. In seinen Notizen skizziert Schnitzler, der Arzt und Diagnostiker seiner Zeit, den weiteren Verlauf in kurzen, präzisen Sätzen: „Seine Frau wird ihm schauerlich, todbringend. Er kann sie nicht mehr besitzen. Endlich wird er irrsinnig.“
Mit scharfem Blick seziert Schnitzler eine Gesellschaft, deren Expansionsdrang und Sucht nach Vergnügen zuvorderst stehen: Freundschaften dienen den Geschäftsbeziehungen und zur Befriedigung erotischer Sehnsüchte werden Hotelketten in die kahle Felsenlandschaft der Dolomiten gestellt. Dabei wirken Hofreiters Glühbirnen wie der ironische Kommentar einer vermeintlich aufgeklärten und hellen Welt. Die Gespräche der privilegierten Gesellschaft über Seitensprünge und Liebesabenteuer werden zu Seismographen einer Katastrophe, die nicht mehr aufzuhalten ist.
WOVON HANDELT »D • I • E«? VON EINER FRAU? VOM STERBEN? VON GRAMMATIK? VON LINIEN, PUNKTEN UND SCHRIFTZEICHEN? ALLE ANTWORTEN SIND RICHTIG – UND ALLE FRAGEN OBSOLET.
IN EINER FANTASTISCH SURREALEN ORGIE ZUM WEIHNACHTSFEST VERSCHWIMMEN DIE GRENZEN ZWISCHEN GEGENWART UND VERGANGENHEIT, LEBENDEN UND TOTEN, MENSCH UND TIER, WUNSCH UND WIRKLICHKEIT.
ALS AUSGEWIESENE KENNERIN VON NACHTGEWÄCHSEN UND HEIMATLOSEN KREATUREN DER GEBANNTEN ÄNGSTE STEIGT BARBARA FREY ZUR ERÖFFNUNG IHRER INTENDANZ GEMEINSAM MIT EINEM ACHTKÖPFIGEN, MEHRSPRACHIGEN ENSEMBLE IN DEN GEDANKENKOSMOS VON EDGAR ALLAN POE EIN.
Ich arbeite eng mit Regisseuren, Kostümbildnern, Produzenten und Schauspielern/ Sängern/ Tänzern zusammen, um das gewünschte Aussehen für jeden Charakter zu konzeptionieren und zu definieren.
Mein Team und ich müssen auf dieser Basis in der Lage sein, verschiedene Make-up- und Haar-Techniken anzuwenden, um das gewünschte Aussehen zu erreichen.
Ich übernehme das Budget- und Personalmanagement des Maskenbildnerteams.
Dabei stelle ich sicher, dass Ressourcen und Budget effektiv genutzt werden und überwache Qualität und Arbeitszeiten des Teams.
Zudem sorge ich für die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften und Hygiene für die Verwendung von Maskenbildnerprodukten.
Maskenbildner und Darsteller müssen persönlich gut miteinander harmonieren. Die richtige Zusammenstellung des Teams beflügelt Vorbereitung und Anwendung von Make-up und Haaren.
Angefangen vom künstlerischen Konzept bis zur fertigen Umsetzung kreiere ich Masken und Maskenteile, perfekt abgestimmt auf die jeweiligen Erfordernisse.
Ich entwerfe und realisiere Make-up- und Frisurenstile, welche die Persönlichkeit und die Merkmale des Charakters unterstreichen und insbesondere auf der Bühne eine bestmögliche Wirkung entfalten.
Mit großem Wissen über Stile und Umsetzungsformen entwerfe und realisiere ich perfekt abgestimmte Perücken und Haarteile.
2021 steht erneut ein Wechsel in der künstlerischen Leitung an: Intendantin für die Ruhrtriennale 2021 – 2023 ist Barbara Frey, die als ausgewiesene Schauspielregisseurin mit Der Untergang des Hauses Usher die Eröffnung des Festivals in der Maschinenhalle Gladbeck selbst übernimmt.
Wie immer folgen ruhrgebietsweit Premieren in Tanz, Musiktheater, Performance und Installationen. In der Jahrhunderthalle Bochum gehört dazu das Musiktheater Bählamms Fest. Die Inszenierung des irischen Kollektivs Dead Centre folgt mit eindrucksvollen Bildern und surrealen Szenen der beklemmenden Handlung um das Leben einer Familie auf dem Land. Diese Premiere wird begleitet von der Inbetriebnahme von gleich zwei neuen kreativen Orten auf demselben Gelände. Zum einen die Festivalbibliothek mit Buchempfehlungen der Künstler:innen der Saison und zum anderen die Pappelwaldkantine. Wer die Pappeln – einst zum Barockgarten erhoben – schon abgeschrieben hatte, wird eines viel Schöneren belehrt: mit wenigen Mitteln ist ein vormals unwirtlicher Ort zu einem romantischen Treffpunkt geworden.
Für viele Besucher:innen gehört A Divine Comedy von Florentina Holzinger sicherlich zu den bewegendsten Aufführungen der Saison. In der Kraftzentrale Duisburg findet ein Wagnis statt: mutig und künstlerisch aufwendig wird sich dort was getraut. Selten ist eine weibliche Perspektive auf die Welt mit so viel Power und Phantasie auf die Ruhrtriennale-Bühne gekommen (ehrlicherweise vielleicht bislang noch gar nicht).
Ein Kleinod von kontemplativer Kraft findet im Museum Folkwang statt: The Life Work der dänischen Choreografin Mette Ingvartsen. Berührend ist es, zu erleben, wie vier alte Japanerinnen gelassen in einem atmosphärisch dichten Raum in Kleinstbewegungen agieren, während aus dem Off Erinnerungen ihres langen Lebens hörbar werden. Erinnerungen an das Erwachsenwerden wiederum sind in der Turbinenhalle Bochum »ausgestellt«: In der Videoinstallation 21 porträtiert Mats Staub Erzählende als Zuhörende ihrer eigenen Worte. Eine der wenigen Auftragskompositionen von veritabler Länge in der Festivalgeschichte ist D • I • E von Michael Wertmüller. Wir nehmen Platz auf Drehstühlen in unmittelbarer Nähe des Dirigenten Titus Engel und umgeben von vier Gruppen Musiker:innen. Ein in der Epidemie selten gewordenes Erlebnis von Gemeinschaft.
Quelle: RUHRTRIENNALE